Città Giardino

Sengende Hitze auf Sizilien, mittendrin ein verlassenes, schmuckloses Haus. Sechs unbegleitete, minderjährige Geflüchtete warten hier darauf, dass die Mühlen der italienischen Administration ihren „Fall“ weiterbearbeiten. Monotonie und Isolation, das Smartphone als einziges Fenster zur Außenwelt, dominieren den Alltag. Doch die Jugendlichen ergeben sich nicht tatenlos der vermeintlichen Ausweglosigkeit.

 

Einführung von Alexandra D’Onofrio

Città giardino lässt Erinnerungen der Filmemacher*innen Marco Piccarreda und Gaia Formenti an ihre Zeit in der Unterkunft „Pope Francesco“ in Priolo Gargallo (Syrakus) wiederauferstehen. Es ist eines der sogenannten Help Centres der italienischen Regierung, in denen geflüchtete, unbegleitete Minderjährige nach ihrer Ankunft in Italien einen Monat lang verbringen müssen, ehe geeignetere Unterbringungsmöglichkeiten für sie organisiert werden. Seit 2014 haben die beiden Filmemacher*innen die jungen Menschen dort besucht, befragt, ihren Alltag begleitet, aber auch jenen der Mitarbeiter*innen – vielfach Vertreter*innen von NGOs –, die versuchen, den Kindern Zugang zu Bildung, ärztlicher Versorgung und etwas Abwechslung zu verschaffen. In vielen Fällen nicht nur ein personell, sondern auch infrastrukturell bedingt schwieriges Unterfangen, befinden sich die Heime, lieblos und schnell aufgestellte Fertighäuser, doch zumeist irgendwo in verlassenen Gegenden. 

Città giardino haben der Filmemacher Marco Piccarreda und die Drehbuchautorin Gaia Formenti in einer dieser inzwischen verlassenen Übergangsbehausungen gefilmt, an eben jenem Ort, den sie früher besucht hatten. Die sechs Jugendlichen im Film zwischen 14 und 18 Jahren haben den Alltag in den Heimen selbst erlebt und lassen im imaginären „Città giardino“ autofiktional ihre damaligen Erlebnisse wiederaufleben. Die Starre des Alltags, der aus gezwungenem Nichtstun besteht, allein strukturiert durch die immer gleiche Abfolge aus Essen, Schlafen, Essen, Schlafen. Dazwischen das Smartphone als einziges Fenster zur bewegten Welt draußen und als Brücke zur eigenen Vergangenheit. Die Kamera fängt diese Atmosphäre der alles umfassenden Untätigkeit mehr als meisterhaft und auf symbolträchtige Weise ein: ein kaputtes Kinderauto, das sich nur mit Mühe bewegen lässt, die in der Tupperware haltbar gemachten, vorgekochten Nudeln als Metapher für das unter Verschluss gehaltene Leben. Dazu ein kluges Spiel auf paratextueller Ebene: der Titel in märchenhaft-mittelalterlichen Buchstaben als Verweis auf die scheinbare Zeit- und Ortlosigkeit eines Anti-Märchens, dessen Protagonisten dann auch nicht in einem florierenden Garten Eden, sondern in einem unter der Hitze staubtrockenen „Giardino“ genauso eingesperrt sind wie das zweifach umrahmte „G“ im Titel.

Doch Geschichten erlauben Ausbrüche, und so hecken zwei der Bewohner einen Fluchtplan aus.

Statement

“More and more frequently African boys, little more than children, choose to undertake the arduous journey that leads them into Europe along routes considered illegal. […] Once in Italy they are separated from adults and collected in CPAs, centres where they should remain for 30 days before being routed to the most appropriate structures. As a matter of fact, the lack of means and the slowness of Italian bureaucracy transform this temporary stay in an agony of hallucinated inactivity. CPA guests always sleep, eat pre-packaged meals and use their time to peer into their cell phones. Many of them escape, others fall into a state of clinical depression. After having passed years to gather testimonies, we have realized how the time spent in the CPAs dug a vacuum deep inside these children. How can the mind of a teenager, who survived the war and poverty, react when he find [sic!] himself stuck for months in a remote corner of a foreign island? What’s left of his thrust [sic!] toward the future? Of his reckless courage? Of his own identity?”

Marco Piccarreda

*1976; 1998 Abschluss an der Filmhochschule Mailand, anschließend bei verschiedenen Produktionsfirmen als Filmemacher; 2003 Assistant director und Aisstant editor im Film Tu devi essere il lupo – Nominierung beim David di Donatello-Filmpreis als bester Debütfilm; 2005 Gründung der Produktionsfirma 50Notturno Ltd. mit Vittorio Moroni. Filme: Se chiudo gli occhi non sono piu’ qui (2013), Eva e Adamo (2009), Le ferie de Licu (2006)

Gaia Formenti

*1985; Schriftstellerin und Drehbuchautorin; Autorin zweier Romane und des mit dem Antonio Fogazzaro Poem Award prämierten Lyrikbands Poesie Criminali; 2017 Gewinnerin des Short Tale National Contest „8×8“ der Turiner Buchmesse; derzeit Dozentin für Screenwriting an ther Civica Scuola di Cinema Luchino Visconti in Mailand und am Istituto Cinematografico Michelangelo Antonioni; darüber hinaus Creative Tutor für Milano Film Network.

Credits

WRITTEN AND REALISED BY Marco Piccarreda and Gaia Formenti
DIRECTED BY Marco Piccarreda
PRODUCED BY Marco Piccarreda and Gaia Formenti in collaboration with EliantoFilm