Festival 2019

Fokus 2019

INNCONTRO Internationales Filmfestival der Vielheit 2019 bringt Geschichten und Stimmen zum Thema Arbeit im Kontext von Migration auf die Leinwand. Sechs sorgfältig ausgewählte Filme laden zu einer differenzierten, diskursiven Auseinandersetzung ein, in der einzelne Aspekte der Thematik hinterfragt und gängige stereotype Vorstellungen und Auffassungen reflektiert werden. Eröffnet wird das Filmfestival erneut mit einem Film, der einen historischen Blick auf Arbeit im Kontext von Migration wirft und deren Bedeutung für die Gegenwart veranschaulicht: Fatih Akins Dokumentarfilm Wir haben vergessen zurückzukehren (2000) erlaubt intime Einblicke in die Phase des Gastarbeiter*innen-Zuzugs als Teil unserer Zeitgeschichte. Neue Filme – darunter drei Tirol- und zwei Österreichpremieren – zeigen die individuellen Auswirkungen des europäischen Grenzregimes und globale Verhältnisse der Arbeitsmigration. Mit den anwesenden Filmschaffenden und geladenen Expert*innen werden diese Aspekte und darüber hinaus diskutiert.

“Gastarbeit”

Migration in und nach Europa ist kein neues, zeitgenössisches oder modernes Phänomen. Migration ist vielmehr historische Normalität. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Migrationspolitik in Europa stark an den industriellen Bedarf an Arbeitskräften gekoppelt. Die Anwerbung sogenannter „Gastarbeiter*innen“, deren Aufenthalt ursprünglich zeitlich befristet sein sollte, brachte jedoch nicht einfach Arbeitskräfte, sondern Menschen ins Land, die sich ein Leben aufbauten und bis heute als Teil derselben die europäische Gesellschaft prägen.

Besonders im Dokumentarfilmsektor geben Filmemacher*innen Einblicke in unbekannte, vergessene oder übersehene Hintergründe und ermöglichen das sinnliche Erfassen und den Perspektivenwechsel bei Zuseher*innen.

In seinem ersten, sehr persönlichen Dokumentarfilm Wir haben vergessen, zurückzukehren (2000) erzählt Fatih Akin etwa die Geschichte seiner Eltern, die aus der Türkei als so genannte Gastarbeiter*innen nach Deutschland kamen und vergessen haben, zurückzukehren – so der Titel des Films, der als Fernseh-Auftragsarbeit selten zu sehen ist und bei der diesjährigen Ausgabe des Inncontro Filmfestivals als Eröffnungsfilm gezeigt wird. Der Film kann als ein Erinnerungsort für eine gemeinsame Geschichte betrachtet werden, deren Darstellung ein Nischendasein fristet. Er ist sowohl Angebot für ein kollektives Gedächtnis, als auch Erinnerung an die Alltäglichkeit des Rassismus. Damit ist der Film zugleich der Ausgangspunkt für die Befragung der Gegenwart: Was hat sich hier, in Europa, verändert? Welche Positionen beziehen Filmemacher*innen weltweit zum Thema Arbeitsmigration? Welchen Herausforderungen sehen sie sich in der Produktion gegenüber und wie werden sie rezipiert?

Mit einer seltener beleuchteten Frage zur „Gastarbeit“ wird das Inncontro Filmfestival am Samstag die filmische Klammer zu Migration und Arbeit schließen: Der autobiografische Dokumentarfilm Xalko (2018) von Sami Mermer in Zusammenarbeit mit Hind Benchekroun lässt in atmosphärischen Bildern, die Landschaft und Menschen portraitieren, jene zu Wort kommen, die im Zuge der „Gastarbeit“ zurückgeblieben sind und die Existenz vor Ort sichern mussten – zumeist Frauen*, Kinder und ältere Personen. Wie ist es ihnen ergangen? Wie veränderte sich ihre Beziehung zu den Verwandten in der Ferne? Und wie gestaltet sich der Begriff Heimat für jene, die im Alter vor der Frage nach der Rückkehr stehen?

Entwicklungen der letzten Jahrzehnte:
Europäisches Grenzregime

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bis heute werden die Einwanderungsgesetze Europas immer restriktiver. Neben einer europäischen Binnenmigration migrierten Menschen vor allem etwa in Folge des Balkankrieges oder politisch instabiler Verhältnisse, die unter Mitverantwortung europäischer Staaten in einigen Staaten Afrikas, des Nahen Ostens oder Asiens zu Stande kamen. Zuletzt suchten aufgrund des Krieges in Syrien viele Menschen Zuflucht in ihren Nachbarländern – und deutlich weniger schließlich auch in Europa. Zudem spielen Auswirkungen der Strukturanpassungsprogramme, wie etwa vom IWF und der Weltbank für Kredite und Schuldenerlass geforderte Spar-, Privatisierungs-, und Deregulierungspolitiken, eine große Rolle, die in Ländern des Globalen Südens Millionen von Menschen ihrer Existenzgrundlagen beraubten und schließlich zur Migration zwangen.

Wie herausfordernd Flucht, Ankunft und Aufarbeitung dieser Erfahrungen sind, zeigt das kollaborative Filmprojekt Era Domani (2018) der italienischen Filmemacherin und Anthropologin Alexandra D’Onofrio. Mit verschiedensten Techniken und in intensiver Zusammenarbeit wird die Vergangenheitsbewältigung von Mahmoud Hemida, Ali Henish, Mohamed Khamis aus Ägypten dokumentiert. Era Domani bietet dabei die Gelegenheit, den Arbeitsbegriff zu dekonstruieren, Biografiearbeit zu thematisieren und den Prozess zu diskutieren, wie Filmwirklichkeiten entstehen. Denn in dieser Collage aus Performance, Fotografie und Animation verschwimmen die Grenzen zwischen Filmemachenden und Mitwirkenden, was Fragen auf einer Metaebene zulässt:

Unter welchen Bedingungen werden Dokumentarfilme im Kontext von Migration produziert? Wie sind die portraitierten Personen in den Prozess eingebunden? Welche Fragen eröffnen sich in Bezug auf Repräsentation und Machtverhältnisse? Wie gelingen solch partizipativ angelegten Projekte?

Globale Verhältnisse

Während sich die Bedeutung von Nationalstaaten im Kontext einer globalisierten Weltwirtschaft wandelt und Kapitalien, Güter und Dienstleistungen frei zwischen liberalisierten Märkten fließen dürfen, wird die Bewegung von Menschen durch die nationalstaatliche Fixierung auf Grenzen stärker denn je kontrolliert und reguliert. Nach wie vor wird nur wenigen Gruppen die Mobilität ermöglicht: Expert*innen und Fachkräfte werden aktiv angeworben und durch höhere Lohnstandards zur Migration motiviert, was in deren Herkunftsländern zum sogenannten „Brain drain“ führt. Gleichzeitig werden unattraktive, beschwerliche und teils gefährliche Arbeitsstellen oftmals mit illegalisierten Arbeiter*innen besetzt, etwa im Pflegebereich, der Saisonarbeit, Logistik, Reinigung oder in der Gastronomie – der neoliberalen Logik folgend oft genug nur temporär. Einige dieser Arbeitsrealitäten werden eindrücklich von Rosine Mbakam, Ziad Kalthoum und Maren Wickwire in ihren Dokumentarfilmen aufgegriffen und zeigen auch die geschlechterspezifischen Ausprägungen der verschiedenen Arbeitsrollen.

So portraitiert die Anthropologin und Filmemacherin Maren Wickwire in Together Apart (2018) Carren Pacuyan und Guil Ann Simeon, Mutter und Tochter, die beide als junge Frauen* ihre philippinische Heimat verließen, um auf Zypern als Hausangestellte zu arbeiten – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien. Dabei wirft Together Apart Fragen zu den Konsequenzen der weiblich geprägten, internationalen „Care-Chains“ auf, zu transnationalen Familienbeziehungen, den zumeist inakzeptablen Arbeitsverhältnissen und möglichen Gegenstrategien.

„Dedicated to all workers in exile“ ist der preisgekrönte und bildgewaltige Dokumentarfilm Taste of Cement (2017) des syrischen Regisseurs Ziad Kalthoum. Kalthoum hat selbst eine bewegte und bewegende Fluchtgeschichte. Er desertierte aus dem syrischen Militärdienst und versteckte sich monatelang in Damaskus, bevor er zunächst in den Libanon floh. Taste of Cement entstand dort auf einer Großbaustelle und dokumentiert vordergründig die Arbeitsbedingungen syrischer Bauarbeiter*. Der Film zeichnet dabei ein dramatisches Bild von der Gleichzeitigkeit der Zerstörung im Krieg und dem Wiederaufbau auf der Baustelle, die den Alltag der marginalisierten und von ihren Familien getrennten Männern* bestimmt. 

Einen weiteren intensiven Einblick bietet Rosine Mbakams Chez Jolie Coiffure (2018) in die Arbeitsrealität von Sabine Amiyeme, die sich trotz illegalisiertem Aufenthalt im Herzen Brüssels selbstständig gemacht hat und in Matongé einen Friseursalon führt. Gedreht auf 8m² Fläche im Spiel mit zahlreichen Spiegeln wird ein intimes Portrait eines Mikrokosmos gezeichnet, dessen Außen nur über die Gespräche im Salon greifbar wird. Dabei drängen sich Fragen auf: Wie viel Rückzug in eine Community ist selbstgewählt? Welche Möglichkeitsräume eröffnen sich in einem sicheren Umfeld, und welche bleiben verwehrt?

Lokale Aushandlungen

Lokale Arbeitskontexte sind von globalen Verhältnissen geprägt und beeinflussen die Chancen und Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen: In Gesellschaften, in denen Einkommens-, Teilhabe- und Lebenschancen an (Erwerbs-)Arbeit gekoppelt sind, kommt dieser eine bedeutende gesellschaftliche Integrationsfunktion zu. Dementsprechend spielt Erwerbsarbeit nicht nur dann eine Rolle, wenn Beschäftigung das Motiv für die Migrationsbewegung ist, sondern wird in jedem individuellen Migrationsprozess zu einem Faktor.

Darüber hinaus gilt es prekäre Arbeitsverhältnisse auch in ihrem Potential für gesellschaftliche Transformation zu erkennen: Lokale Arbeitskontexte können als Kontaktzonen verstanden werden, sowohl als soziale Orte des Widerstandes und des Kampfes, wo Machtbeziehungen in Frage gestellt und ausgehandelt werden, als auch als Orte der Begegnung und Verständigung, wo Austausch ermöglicht und (sozialen) Stereotypisierungen und Rassismen entgegengewirkt werden kann. Ein besonderer Fokus des INNCONTRO Film Festivals liegt auf der diskursiven Einbettung und somit auch auf Fragen nach der Handlungsfähigkeit der Akteur*innen, nach ihren Strategien des Widerstandes und der Umdeutung.