Wir haben vergessen zurückzukehren

Als Teil der 2001 produzierten TV-Reihe „Denk ich an Deutschland“ ist Fatih Akins „Wir haben vergessen zurückzukehren“ ein persönlicher, scheinbar aus dem Moment heraus entstandener Dokumentarfilm über die Geschichte seiner nach Deutschland migrierten Eltern, die „vergessen“ haben, ihre anfangs prophezeite Rückkehr in die Tat umzusetzen. 

Prämiert 2004 für den Spielfilm Gegen die Wand mit dem „Goldenen Bären“, steht der Filmemacher Fatih Akin für die Anerkennung der Nachkommen der sogenannten „Gastarbeiter*innen“ – jene vielfach aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Italien und anderen Ländern nach Deutschland Gezogenen, die im „Gastland“ nur „Gast“ bleiben sollten oder wollten, und sich schließlich doch ein Leben aufbauten und bis heute als Teil derselben die Gesellschaft prägen. In dem Dokumentarfilm Wir haben vergessen zurückzukehren stellt der Regisseur am Beispiel seiner eigenen Familie die Frage nach der ursprünglich geplanten – bis dato aber nie realisierten – Rückkehr in die Türkei und wie vielschichtig der Begriff Heimat für die zweite Generation werden kann.

In dem Dokumentarfilm, der für die TV­Reihe „Denk ich an Deutschland“ entstand begibt sich Fatih Akin auf eine sehr persönliche Suche. Er besucht die Orte seiner Kindheit in Hamburg­Altona, spricht mit seinen Eltern über ihre Erfahrungen in der „neuen Heimat“ und ihren Arbeitsalltag. Er reist nach Istanbul, wo die inzwischen zurückgekehrten Verwandten leben, und weiter in das Fischerdorf Filyos am Schwarzen Meer, von dem sein Vater einst auszog, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Auf Verfremdungseffekte verzichtete Akin in diesem Filmprojekt bewusst:

„Ich wollte meine Familie nicht inszenieren. Es ist ein intimer Film, deshalb steht ein Laie hinter der Kamera. Ein Homemovie, so nichtprofessionell wie irgend möglich.“ (Akin 2011)

Für die deutsche Filmwissenschaftlerin Dagmar Brunow steht diese ästhetische Schlichtheit aber auch für etwas anderes: In ihrer Analyse des Films bedauert sie, dass der Film selbst in der wissenschaftlichen Rezeption gefeiert wird, jedoch nur in Bezug auf seine inhaltliche Ebene – und hier allein mit Fokus auf das Thema Migration. Für Brunow (2011) bietet Akins Film aber gerade ästhetisch subversive Strategien, die ebensolche essentialistischen nationalen Zuschreibungen unterlaufen. Die subjektive Erzählhaltung im Film mache auf die Kontextabhängigkeit von Wissen aufmerksam, das Aufsuchen „transnationaler Räume“ wie das Restaurant „Sotiris“ des deutsch-griechischen Schauspielers Adam Bousdoukos sowie das Hochhalten einer „Altonaer“-Identität negieren einfache nationale Zuschreibungen genauso wie die Verwendung einer nicht-türkischen, populären englischsprachigen Soundlist. „[D]er Film [erteilt] essentialistischen Auffassungen von stabilen, unveränderlichen Identitäten, die von territorialer Herkunft bestimmt sind, eine Absage“, so Brunow (2011, 183).

Fatih Akin

1973, Hamburg. Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Erster Erfolg mit Kurz und schmerzlos (1998), erster internationaler Erfolg mit Gegen die Wand (2004, Goldener Bär, Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis). Inzwischen gehört Akin zu den bekanntesten deutschen Filmregisseuren (Tschick, 2016; Der goldene Handschuh, 2019), der sich thematisch wie persönlich für marginalisierte Menschen und deren Geschichten in der Migrationsgesellschaft einsetzt.

Credits

BUCH, REGIE: Fatih Akin.
KAMERA: Gordon A. Timpen.
TON: Jörn Martens, Stefan Schmahl.
SCHNITT: Andrew Bird.
SCHNITT-ASSISTENZ: Nikolai Hartmann
MITWIRKENDE: Fatih Akin, Hadiye Akin, Mustafa Enver Akin, Cem Akin, Adam Bousdoukos u. a.
PRODUKTION: MegaherzTV Fernsehproduktion / BR / WDR.
PRODUZENT: Franz X. Gernstl, Fidelis Mager.
URAUFFÜHRUNG: September 2000, Filmfest Hamburg, TV-Erstsendung: 28.11.2001, ARD

Weiterführende Literatur

  • Akin, Fatih: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme. Reinbek: Rowohlt, 2011. Download hier: www.rowohlt.de/fm/131/Akin_Clinch.515712.pdf
  • Brunow, Dagmar: “Film als kulturelles Gedächtnis der Arbeitsmigration: Fatih Akins Wir haben vergessen zurückzukehren“. In: Ozil, Seyda / Hofmann, Michael / Dayioglu-Yücel, Yasemin (Hg.): 50 Jahre türkische Arbeitsmigration in Deutschland. Göttingen: V&R unipress, 2011, 183-203.