On the Bride’s side

Welcher Grenzbeamte würde eine Hochzeitsgesellschaft nach ihren Papieren fragen? Aus einer Begegnung am Mailänder Bahnhof entspringt eine wahnwitzige Idee und eine turbulente Reise von Italien nach Schweden. Der mittels Crowdfunding spontan produzierte Dokumentarfilm zeigt auf humoristische Weise, wie Gesetze durch zivilen Ungehorsam umgangen werden können.  

Es klingt wie ein Märchen – und doch ist es wahr. Im Herbst 2013 trifft ein italienischer Journalist und Menschenrechtler mit in Italien lebenden Freunden aus Damaskus auf dem Mailänder Bahnhof einen Literaturstudenten, der erst vor wenigen Wochen vor dem Syrienkrieg geflohen war und sie nach dem nächsten Zug nach Schweden fragt. Die Begegnung weckt in den Freunden eine höchst wahnwitzige wie gefährliche Idee: dem jungen Studenten, zusammen mit vier anderen Geflüchteten, verkleidet als Hochzeitsgesellschaft, einen Weg nach Stockholm zu ermöglichen. Denn welcher Grenzbeamte würde einer Braut im weißen Kleid und ihrem herausgeputzten Bräutigam einen illegalen Grenzübertritt unterstellen?

Geflüchteten Menschen eine Weiterreise in andere Länder Europas zu ermöglichen, und das mit normalen Transportmitteln wie Auto, Zug oder Flugzeug und ihnen damit die gefährliche, durch Schlepper organisierte Reise zu ersparen, das ist die grundlegende Idee von On the Bride’s Side.

„Sie fliehen vor dem Krieg in Syrien und suchen in Europa Asyl. Dabei ist Italien nur ein Transitland. Ihr Ziel ist Schweden. Nachdem sie Sizilien erreicht haben, setzen sie ihre Reise von Mailand aus mit dem Auto fort, wobei sie erneut auf Schmuggler zurückgreifen. Die geltenden Einwanderungsgesetze lassen ihnen keine andere Wahl. Es sei denn natürlich, jemand beschließt, diese Gesetze zu missachten, was wir getan haben. In diesem Film geht es darum, was auf der Straße von Mailand nach Schweden am 14. und 18. November 2013 geschah.“ (Vorspann. Eigene Übersetzung)

Die als Hochzeitsgesellschaft getarnten Reisenden, bestehend aus fünf Geflüchteten und rund einem Dutzend italienischen Freund*innen des Regieteams, passieren mehrere europäische Länder und einige Tausend Kilometer Distanz in vier Tagen. Die Helfer*innen riskieren dabei, selbst der Schlepperei bezichtigt zu werden und nehmen die Gefahr langer Haftstrafen in Kauf. Auch die Geflüchteten sind stets gefährdet, aufgegriffen und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden.

Jede Grenzkontrolle eine Zitterpartie, denn was, wann einer der Grenzbeamten die Reisepapiere der Geflüchteten verlangt und nicht nur die der am Fenster sitzenden italienischen Mitreisenden? Wird die gesamte Hochzeitsgesellschaft in Schweden ankommen – und dort auch bleiben können?

Statement

„Die Idee entstand bei einem Abendessen im Haus unseres Freundes Antonio Augugliaro, einem Filmregisseur und Cutter. Wir sprachen über Abdallahs Geschichte, über den Schmuggel syrischer Flüchtlinge in Mailand und die Grenzkontrollen. Dann kam ich plötzlich damit heraus: ‚Wisst ihr, wen die Grenzbeamten niemals aufhalten würden? Eine Hochzeitsgesellschaft! Die Polizei würde niemals die Papiere einer Braut kontrollieren!‘ Das Ganze begann als Scherz, bis Antonio Augugliaro mich und Khaled ein paar Tage später anrief. Er sagte uns, dass er darüber nachgedacht habe und dass wir es tun müssten. […] Khaled, Antonio und ich trafen uns auf einen Kaffee und sahen uns direkt in die Augen. Wir mussten verstehen, ob wir das wirklich tun wollten. Wir spürten den Druck einer Entscheidung, die unser Leben für immer verändern könnte. Wenn wir diesen Menschen bei der Ausreise aus Italien halfen, riskierten wir eine Verhaftung wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Auf dieses Verbrechen stand eine Gefängnisstrafe von 15 Jahren. Es war tödlich ernst, doch der Traum von der Braut war stärker als alle Zweifel, die wir hatten.“ (Gabriele Del Grande. www.aljazeera.com)

Gabriele del Grande

*1982, Italien. Journalist, Menschenrechtsaktivist, Gründer des Blogs „Fortress Europe“, Dokumentationsstelle gegen die europäische Abschottung. Ausgezeichnet 2010 mit dem Menschenrechtspreis der Stiftung PRO ASYL für seine jahrelange Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen an Europas Grenzen.

Antonio Augugliaro

Filmemacher

Khaled Soliman Al Nassiry

*1979, Damaskus. Dichter, Drehbuchautor, Regisseur in Mailand

Credits

Regie Gabriele Del Grande, Antonio Augugliaro, Khaled Soliman Al Nassiry
Produktion Antonio Augugliaro for Gina Film
Co-Produktion DocLab srl
Cinematography Antonio Augugliaro
Editing Antonio Augugliaro